Rasenschnitt

Warum mir Rasenmähen Spaß macht

Gibt es etwas schöneres als sinnvolles Tun? Bestimmt. Aber es gibt kaum etwas schlimmeres als sinnloses Tun. Und dazu zählte bis vor zwei Jahren für mich eindeutig das Rasenmähen. Ich hasste es und habe die Tätigkeit meinen Kindern aufgehalst. Zum Glück hatten die Spaß am Rasentraktorfahren – zumindest eine Weile. Später half dann nur noch Bestechung oder Erpressung.

Das hat sich sehr geändert, als ich von meinem Gärtnerkollegen Stefan Funke hörte, dass er Rasenschnitt in großer Menge in seiner Gärtnerei als Mulch einsetzt.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Während der Ausbildungszeit in meiner Lehrgärtnerei und später auch an der Uni galt es als Unding, frischen Rasenschnitt als Mulch zwischen Gemüsepflanzen einzusetzen – Fäulnis und Schimmel seien unvermeidbar. Der frische Rasenschnitt würde die Pflanzen verbrennen usw..
Ein möglicher Düngeeffekt wurde gar nicht erst in Betracht gezogen, weitere Vorteile auch nicht. Stefan Funke jedenfalls hat das auch gehört und sich um all das mal eben gar nicht gekümmert. Er hat eigene Erfahrungen gesammelt. Die waren so überraschend positiv, dass er den Effekt von einer Uni untersuchen lassen wollte. Herauskam dabei, dass nicht möglich sein kann, was der Lehrmeinung nicht entspricht… Er hat nun schriftlich, dass sein System nicht funktioniert…

Wir lassen uns davon nicht beirren und beobachten selber, was passiert. Wir, das sind mittlerweile eine ganze Reihe von (Bio-)Gärtnern in MV. Und alle sind wir der Meinung, dass die Effekte derart positiv sind, dass wir den anfänglichen Mehraufwand des Mulchens gern in Kauf nehmen.

Was tun wir also?

Wir mähen Rasen und fangen das Mähgut auf. Dieses wird dann sehr schnell zwischen dem Gemüse verteilt – und zwar nicht nur schleierartig dünn, sondern richtig dick – mindesten 7 cm. „Sehr schnell“ deswegen, weil sich dieses eiweißreiche Material sehr schnell erhitzt. Das wollen wir nicht.

Was passiert?

Das ganze wirkt auf mehrerlei Weise:

  • Mulch reduziert die Verdunstung auf den Beten – es ist weniger zu gießen. Die gleichmäßigere Feuchtigkeit bewirkt einen gleichmäßigen Wuchs – Wurzelgemüse bildet sich zu schönen Knollen oder Rüben aus.
  • Unkraut wird unterdrückt. Zumindest Samenunkräuter gedeihen unter der Mulchschicht nicht mehr. Wurzelunkräuter wie die Quecke oder die Distel kommen natürlich auch durch die Mulchschicht – hier sieht man sie dann aber sehr gut, was sie leichter bekämpfbar macht.
    Natürlich schleppt man sich mit dem Rasenschnitt auch weiteres Unkrautsaatgut auf die Fläche. Das ist ganz klar. Dieses Saatgut keimt auch sofort – aber nur dann, wenn der Mulch zu dünn ausgebracht wurde. Wenn das Beet nach der Ernte abgeräumt wurde und die Mulchschicht entfernt ist, dann keimt es auch. Dafür braucht es dann eine geeignete Strategie. Dazu später mehr.
  • Organischer Mulch aktiviert das Bodenleben. Wenn man das Mulchmaterial nach drei – vier Wochen etwas zur Seite schiebt, sieht man darunter feinkrümelige Erde, flüchtende Regenwürmer und tausendfaches Kleinvieh. Ein ganz eigener Mikrokosmos ist entstanden – ganz im Gegensatz zu unabgedeckter Erde. Dieser Mulch sorgt somit über die Tätigkeiten dieser Kleinstlebewesen für lockere Erde. Und dieses poröse Material nimmt Regenwasser auf wie ein Schwamm – und speichert es. Wieder ganz anders als bei unabgedeckter Erde…
  • Durch die langsame Zersetzung dieses feinen Mulches werden Pflanzennährstoffe freigesetzt. Wie schon oben erwähnt: Rasenschnitt ist eiweißreich. Eiweiße aber sind organische Stickstoffverbindungen. Durch das Zersetzen wird also Stickstoff pflanzenverfügbar. Und zwar als gleichmäßig und langsam fließende Quelle. Eine Stickstoffauswaschung wie bei Mineraldüngern kommt praktisch nicht vor. Das schont unser Grundwasser…
    Natürlich wird nicht nur Stickstoff frei. Alle Stoffe, die in Pflanzen enthalten sind, werden durch die Bodenmikroben freigesetzt. Wir haben eine Düngewirkung mit einem sehr breiten Spektrum an Pflanzennährstoffen. Wieder anders als bei Mineraldüngern.

Nachteile? Kaum.

  • Dieses System wirkt am besten zwischen Gemüsearten mit langen Standzeiten. Schnell wachsende Radieschen zu mulchen ist nicht sinnvoll. Ehe der Mulch sich zu zersetzen beginnt, sind die Radieschen erntereif.
  • Dass dieses Verfahren Unkrautsamen eingeschleppt, habe ich schon erwähnt. Das ist wirklich unerfreulich. Aber erstens überwiegen die Vorteile derart, dass ich diesen Nachteil gern in Kauf nehme. Und zweitens gibt es gute Strategien gegen Samenunkräuter im Gemüsegarten. Wie schon erwähnt, beschreibe ich diese Strategien später in einem eigenen Beitrag.
  • Das Bodenleben wird zwar enorm aktiviert – aber diese Frischgrasmulch baut kaum Dauerhumus auf. Diese Methode hat neben den anderen Wirkungen vor allem eine Düngewirkung. Dauerhumus aufzubauen, ist ein anderes Thema.
  • Der Rasentraktor braucht fossile Treibstoffe – das ist wirklich blöd! Es wäre zu prüfen, ob das Mähen mit einer Sense ähnlich effektiv geht. Aber wahrscheinlich beruht der erwähnte Düngeeffekt eben auch ganz stark darauf, dass die Messer des Rasentraktors das Mähgut nicht nur schneiden sondern auch quetschen – die Pflanzenzellen werden geöffnet für die Tätigkeit der Mikroben. Wir müssen also zusehen, dass der Dieselverbrauch und das freigesetzte CO2 irgendwie ausgeglichen werden. Auch dazu später mehr.

Resümee

Für mich zählt diese Methode ganz wesentlich zu jenen, mit der ich über die einfache Nachhaltigkeit meiner Arbeit weit hinaus gehe. Warum mir das so sehr wichtig ist, das habe ich hier beschrieben. „BIO“ IST NICHT GENUG. „NACHHALTIG“ AUCH NICHT.

Und hier noch ein kleines Video zum Thema: